Zur Theorie des Alexander Dugin und des Nationalbolschewismus

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Alexander Dugin ist ein russischer Intellektueller, dafur bekannt ein Berater des Prasidenten Putin zu sein. Tatsachlich handelt es sich bei ihm aber auch um den wichtigsten Theoretiker des Nationalbolschewismus.

Offentlich thematisiert wird dabei vor allem das von den Nationalbolschewiken vorgeschlagene Eurasien, das nicht einfach nur die Einheit zwischen Europa und Russland bedeutet. Das Eurasien der Nationalbolschewiken ist eine geostrategische und polizentrische Konzeption der Welt, die nicht mehr auf Nationalstaaten aufbaut, sondern auf deren Uberwindung auf „imperiale Raume oder kontinentale Foderationen“, jede von ihnen multipolar in ihrem Inneren. Dabei kommt Russland eine zentrale Bedeutung zu – eine Konzeption, die in der mysthisch-gro?russischen Tradition von Moskau als „Drittem Rom“ steht, von Russland als Retter der Welt und dem russischem Volk als vom gottlichen Plan „erwahlt“.

„Aus dieser Perspektive wird der russische und sowjetische Nationalismus der ideologische Kern des Nationalbolschewismus, nicht nur innerhalb der Grenzen Russlands und Osteuropas, sondern auf planetarischer Ebene. Der Engel Russlands wird zum Engel der Integration, ein erleuchtetes Wesen, dass alle anderen Engel in sich vereint, nicht um ihre Individualitat zu beenden, sondern um sie auf die universelle imperiale Ebene zu heben.“ [A. Dugin, La metafisica del nazional-bolscevismo, in: La nazione Eurasia, September 2004, N. 8. Eigene Ubersetzung aus dem Italienischen]

Die Erhebung Russlands zum zentralen Subjekt der Geschichte ruft die amerikanischen Fundamentalisten in Erinnerung, die sich auf Armageddon vorbereiten, oder die radikalsten Zionisten, wenn sie von der universellen Mission Israels sprechen.

Die Grenzen Russlands, die Dugin vorschweben und die auf esoterische Weise entstehen sollten, scheinen die Summe von drei Imperien der Geschichte: Das des Alexander, des Romischen und jenes des Dschingis Khan. Aber es ist nicht diese Konzeption, wegen der die Nationalbolschewisten von sich reden machen. Im Grunde genommen ist ihre Theorie eine multipolare geopolitische Konzeption wie jede andere, mehr oder weniger plausibel, mehr oder weniger chiliastisch. Auch ihre Behauptung ein um Russland zentriertes Eurasien ware die einzige Kraft eine totale amerikanische Vormachtstellung zu vermeiden, ist nicht besonders au?ergewohnlich. Der Nationalbolschewismus ist die Schwarze Bestie der politisch-korrekten Linken auf Grund seiner historischen Wurzeln: In Westeuropa waren das einige esoterische Stromungen, die sich im Orbit des Faschismus und Nationalsozialismus befunden haben, in Russland „wei?e“ Intellektuelle, die nach der Oktoberrevolution das Land verlie?en, aber schon Ende der 20er Jahre im Stalinismus den Erben der zaristischen Tradition sahen. Nun ist der Nationalbolschewismus angetreten um die Vereinigung der „subversiven Traditionalisten“ aus der extremen Rechten mit den „Revolutionaren der Linken“ zu vereinigen. Oder, um praziser zu sein, der „konservativen Revolutionare“ der Rechten mit den „Rechten Kommunisten“, tatsachlich den Stalinisten, die an Stelle des Internationalismus den Aufbau des Sozialismus in Russland als einziges Ziel betrachtet haben. Aus dem Marxismus greift Dugin nur den „russischen Bolschewismus nach Lenin“ auf, weil jener die „mystische und eschatologische, konservativ-hegelianische Seite des Kommunismus“ reprasentiert. Gleichzeitig wird das humanistische Herz des Marxismus abgelehnt, seine universalistische und „progressistische“ Dimension. Tatsachlich prasentiert Dugin eine philosophisch entwickeltere Form der liberalen These der „entgegen gesetzten Extremismen“, die sich nun nicht mehr einzig beruhren, sondern sogar verpflichtet waren eine gemeinsame Front zu bilden, nicht auf Grund von „obsoleten faschistischen und kommunistischen Theorien“, sondern auf der Basis des Nationalbolschewismus.

Statt einfache Exorzismen abzuhalten, benotigt die Linke (nicht die politisch-korrekte, auf die man heute keine Hoffnungen mehr setzen darf, aber wenigstens die revolutionare) eine ernsthafte Analyse dieses Phanomens und darf es keineswegs unterschatzen, wie die Unterschatzung des Faschismus, der in den 20er und 30er Jahren als einfache „Diktatur des Finanzkapitals“ angesehen wurde.

Dass die alte Dichotomie Links-Rechts nicht mehr auf dieselbe Art und Weise funktioniert, das ist vielen klar. Auf die nationalbolschewistische Herausforderung kann man daher auch nicht reagieren, in dem man sie einfach in den alten Links-Rechts Konflikt einordnet, denn viele seiner Koordinaten sind heute verschoben: der Heilsmythos des Fortschritt ist zusammengebrochen, mit ihm der Glaube an den revolutionaren Charakter der Entwicklung der Produktivkrafte, tot ist die Idee, wonach die hoher Entwicklung des Kapitalismus das sozialistische Paradies mit deterministischer Sicherheit bringe. Wenn das alles fehlt, was bleibt von der alten Kategorie der „Linken“? Scheinbar nichts mehr als das Kriterium Norberto Bobbios, fur den die wahre Trennlinie zwischen Links und Rechts die soziale Gleichheit ist, fundamentaler Wert der Linken, dem keine Rechte folgen kann, die sich selbst treu bleiben will.

Das Problem der Nationalbolschewisten liegt genau hier, weil sie dieses Paradigma sprengen. Weil sie die soziale Gleichheit theoretisieren und den sozialen Kollektivismus aufgreifen. Auf dieses Problem haben die revolutionaren Antifaschisten bisher nur zwei Antworten hervorgebracht: Entweder sie fluchten in die marxistische Orthodoxie des deterministisch bevorstehenden Zusammenbruchs des Kapitals und reduzieren zur „sozialen Demagogie“, was tatsachlich einen Kern des nationalbolschewistischen Denkens darstellt. Oder sie gehen uber zum Liberalismus, betonen die anarchistische Idee der Heiligkeit des Individuums, seine Prioritat gegenuber der Gemeinschaft. Also: Individuelle Freiheit vor Gleichheit.

Wie soll man aus dieser Sackgasse herauskommen, ohne dabei die Gleichheit aufzugeben? Zuerst mussen wir einmal feststellen, dass es nicht nur einen marxistischen Sozialismus gibt. Der Sozialismus ist ein Multiversum in dem es verschiedene Stromungen gibt, einige davon nicht marxistisch, darunter auch antikapitalistisch-konservative. Es braucht den Mut den Sozialismus im Plural zu sehen, wie Marx das im Kommunistischen Manifest tat. Es gibt einen konservativen und traditionalistischen Sozialismus – oder andersherum: Konservative und Traditionalisten sind nicht ausschlie?lich Vertreter des Privateigentums, der Ausbeutung, des Individualismus und Rassismus. Und zweitens, und das ist bei weitem bedeutender, man muss Bobbios Dichotomie brechen, nach der die Linke Gleichheit und die Rechte Freiheit bedeute. Bei Marx waren Gleichheit und Freiheit eng miteinander verbunden, tatsachlich die beiden Seiten der menschlichen Emanzipation. Wenn der Stalinismus diese Verbindung beendet hat, dann bedeutet das nicht, dass deswegen Bobbio bestatigt ware. Im Gegenteil geht es darum eine Theorie des Kommunismus zu rekonstruieren, bei der Freiheit und Gleichheit nicht entgegengesetzt sind, es geht darum die kollektiven Rechte mit den individuellen zu verbinden.

Hier ist die tatsachliche Demarkationslinie mit den Nationalbolschewiken. Denn wahrend sie das Individuum wenig achten (der Mensch hat tatsachlich nur als metaphysisches Wesen seinen Wert, er ist nicht Trager von Rechten, sondern hat die Pflichten der Vorsehung aufgeladen) heiligen sie die Gemeinschaft, verabsolutieren das Kollektiv, vergottlichen den Staat und konzipieren ihn als Imperium einer Priesterherrschaft, an dessen Spitze ein Gott-Imperator steht.

„Das Absolute, auch wenn es spontan oder durch freie Wahl entsteht [wir wollen das „auch wenn unterstreichen, DA], dringt sofort in die individuelle Sphare ein, transformiert ihren Entwicklungsprozess, verletzt die atomistische Integritat des Individuum und ordnet sie einem externen Impuls unter. Das Individuum wird vom Absoluten sofort eingeschrankt – die Gesellschaft verliert ihre „offene“ Qualitat und die Moglichkeit einer freien Entwicklung in alle Richtungen. Das Absolute diktiert Ziele und Mittel, etabliert Dogmen und Normen, formt das Individuum wie der Bildhauer sein Material. […] Der Nationalbolschewismus ist eine Ideologie, die auf der kompletten und radikalen Negation des Individuums und seiner zentralen Rolle beruht; und in der das Absolute (in dessen Namen das Individuum negiert wird) breiteste und allgemeinste Position einnimmt.“[A. Dugin, La metafisica del nazional-bolscevismo, in: La nazione Eurasia, September 2004, N. 8, eigene Ubersetzung aus dem Italienischen]

Gott helfe uns vor diesem neuen Byzanz, vor diesem Priester –Sozialismus, der ein sakralisiertes und transzendentes Hybrid aus Stalinismus und Nazismus scheint!

Drei Dinge wollen wir am Ende festhalten: 1. Wir mussen den Sozialismus in einer Dialektik von Freiheit und Gleichheit begreifen, ihn als offenes und demokratisches Projekt verankern. 2. Wer glaubt, den Nationalbolschewismus mit den alten antifaschistischen Exorzismen vertreiben zu konnen, in dem man behauptet, es handle sich einfach um die „Diktatur des Finanzkapitals“, die blo? durch „soziale Demagogie“ verschleiert wird, der verkennt das Problem. Gleichheit und Antikapitalismus ist ein Kernbereich nationalbolschewistischen Denkens. 3. Der Nationalbolschewismus antizipiert und interpretiert spiritualistische Stromungen innerhalb der Massen – auch im Westen. Wer glaubt darauf durch ein Bundnis mit dem herrschenden Liberalismus reagieren zu mussen, der uberlasst das Feld des Antagonismus den Konservativ-Revolutionaren, dem traditionalistischen Antikapitalismus. Dem, den man zu bekampfen glaubt, wird der eigene Platz uberlassen, die Moglichkeit sich selbst als einzige Alternative zum Kapitalismus und seiner liberalen Oligarchie zu prasentieren.

Dino Albani

aus: Bruchlinien - Zeitschrift fur eine neue revolutionare Orientierung

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